Interkulturelle Studien und einen weltweiten Horizont – dafür steht Dr. Fritz Deininger. Im August hat er die seit Sommer 2007 vakante Stelle des Leiters der Missionsstelle bei der Pilgermission angetreten. Dorothea Gebauer sprach mit Fritz und Marianne Deininger, die die vergangenen 27 Jahre im Missionsdienst in Thailand verbrachten.
Fritz Deininger: Weil heute überall global gedacht wird. Es ist wichtig, Zusammenhänge in der Welt zu erkennen, da wir nicht auf einer Insel leben. Auch die Ausbildung in Europa wird immer internationaler. Immer mehr Studenten sind daran interessiert, im Ausland zu studieren. Als klar wurde, dass unser Weg nach Chrischona führt, wurde ich häufig gefragt, ob ausländische Studenten dort studieren können. Interkulturelle Lernprozesse sind ausserordentlich wichtig, gerade für jene, die sich für Mission interessieren. Man muss lernen, die eigene Kultur nicht mehr als absolut zu sehen. Natürlich braucht man seine eigene Herkunft nicht zu verleugnen, aber es gilt, die eigene Kultur zu relativieren.
Fritz Deininger: Eher indirekt und diplomatisch. Man verletzt den anderen nicht und vermeidet Blossstellung oder Konfrontation; zwischen den Menschen soll es möglichst harmonisch zugehen. Ausserdem ist der Umgang miteinander eher spontan-intuitiv, Planung können von daher spontan verändert und neuen Situationen angepasst werden.
Marianne Deininger: Es gab eine Zeit, da bin ich durch eine Identitätskrise gegangen. Mein Mann stellte uns immer so vor: ‘Wir kommen aus Deutschland’. Woraufhin ich gerne betonte: ‘Aber ich bin Schweizerin!’ Irgendwann habe ich mir erlaubt, in meinen Erziehungsmethoden ‘schweizerisch’ zu sein. Anderes Beispiel: Ich fand immer, dass die amerikanischen Frauen es sich beim Brotbacken zu leicht machten. Inzwischen denke ich: Warum eigentlich nicht auch beim Brotbacken den Mixer benutzen? Warum sollte unser Stil der bessere sein? Auch bei den Thais entdeckte ich viele gute Seiten, die bei uns verloren gegangen sind, etwa dass Beziehungen wichtiger sind als Termine und Pünktlichkeit.
Fritz Deininger: Unsere erste Reaktion auf die Anfrage von Chrischona war negativ, weil wir unsere Aufgabe in Thailand sahen und auch Pläne verwirklichen wollten. Wir hatten nicht daran gedacht, eine Aufgabe in der Heimat zu übernehmen. Dann wurde uns bewusst, dass wir für Gottes Führung offen sein sollten. Uns war seit einiger Zeit klar geworden, dass etwas Neues auf uns zukommen würde. Dabei dachten wir aber primär an Thailand. Die Jahreslosung des vergangenen Jahres ‘Siehe ich will ein Neues schaffen‘ hat uns sehr beschäftigt und uns herausgefordert, von Gott eine neue Lebensführung zu erwarten. Dann begann der Austausch mit Markus Müller. Wir begannen uns ernsthaft damit auseinanderzusetzen und liessen uns von Freunden beraten. Viele reagierten auf unsere Überlegungen sehr positiv, das hat uns überrascht. Meine Haltung war: Gott hat uns in die Mission berufen, wenn er das will, muss er uns auch wieder in die Heimat zurückberufen. Im April sprach das Komitee die Berufung aus. Das war für uns die letzte Bestätigung der Wegführung Gottes in die Aufgabe nach Chrischona.
Marianne Deininger: Gott hatte mir bereits vor meinem Mann deutlich gemacht, dass etwas Neues kommen würde. Hinzu kommt, dass sich bei unserer Arbeit Veränderungen ergeben haben. So hatte mein Mann im Frühjahr des vergangenen Jahres die Studienleitung am Bangkok Bible Seminary abgegeben. Es war für mich, als habe Gott den richtigen Zeitpunkt vorbereitet.
Fritz Deininger: Natürlich. Der Abschied von Studenten etwa. Dann pflegten wir mit drei Familien ein inniges Verhältnis. Auch das thailändische Essen und das Leben inmitten des Zentrums in Bangkok werden wir vermissen. Die internationalen Begegnungen waren Bestandteil unseres Lebens. Wir hoffen, dass wir diese auch von Chrischona aus pflegen können, etwa indem wir ab und zu eine internationale Gemeinde besuchen.
Fritz Deininger: Ich denke schon. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass viele Christen ein begrenztes Bild von Mission haben. Der Missionar wird in manchen Gemeinden als der ganz Arme angesehen, der noch ärmeren Menschen helfen muss. Nein, man muss ein ganz neues Bild von Mission vermitteln. Wenn ich bei unserem letzten Heimataufenthalten über unsere Aufgaben sprach, habe ich das gerne unter dem Thema ‘Globalisierung und Mission’ getan. Dann sagten die Leute: Heute Abend habe ich mal was ganz anderes gehört. Bedauernswert finde ich, dass Gemeinden Mission häufig nicht als zentrale Aufgabe begreifen, sondern als etwas Zusätzliches, das Geld kostet. Da gilt die Devise: Erstmal selber durchkommen! Da wünschte ich mir mehr Risikobereitschaft. Wir senden jemanden, und alle helfen mit. Aber ich schätze die meisten Chrischona-Gemeinden da ganz positiv ein, ich meine, die haben den missionarischen Horizont.
Fritz Deininger: Diese Argumentation ist für mich ganz und gar nicht nachvollziehbar. Ob im Wallis, im Osten Deutschlands, in Südafrika: Gott will Menschen berufen, die in die Welt gehen. Darin wollen wir ihn nicht beschränken. Die ganze Welt ist ein Missionsfeld. Wenn in Deutschland und der Schweiz alle bestehenden Gemeinden missionarisch aktiv wären, hätte man in Kürze sowieso beide Länder für Christus gewonnen. Ich habe gehört, dass in Frankreich zurzeit dauernd neue Gemeinden gegründet werden. Ich will das überprüfen, ich finde das spannend.
Fritz Deininger: Noch habe ich kein fertiges Programm. Ich will die Gemeinden besuchen, will viel hören, um dann zu sehen, was nötig und möglich ist. Die Idee, interkulturelle Studien ins Curriculum des Theologischen Seminars zu implementieren, würde mir gefallen. Ich träume von international anerkannten Abschlüssen, oder dass sich das Theologische Seminar für ausländische und nicht nur deutschsprachige Studenten öffnet. Und warum nicht mal eine Missionsreise durchführen: Singapur, Thailand, Gemeinden und Theologische Ausbildungsstätten besuchen? Ich sehe grosse Möglichkeiten und bin gespannt, wie Gott wirken wird.
Marianne Deininger: Ich freue mich darauf, näher bei unseren Kindern zu sein, alte Freundinnen besuchen zu können, auf die Gemeinschaft auf dem Berg, auf die Studenten, auf meine Eltern. Auf die Natur und die Ruhe hier auf dem Berg.
Fritz Deininger: Ich freue mich auf neue Aufgaben und Herausforderungen. Ich hatte in den vergangenen Jahren immer das Glück, innovativ und selbstständig arbeiten zu können und hoffe, dass das so weitergeht.