Missionsstelle der Pilgermission St. Chrischona

Mission in einer sich wandelnden Welt

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Das Thema ist bewusst so gewählt. Mission vollzieht sich nicht nur in einer Welt, die sich verändert hat, sondern die in vielen Bereichen ständig in Bewegung ist. Die Anpassung an die sich verändernden Gegebenheiten ist kein abgeschlossener Prozess, sondern eine ständige Herausforderung an die Strategie der Missionsgesellschaften und an die Missio-nare selbst. Ein paar dieser sich verändernden Situationen sollen andeutungsweise erwähnt werden.

Ein persönlicher Rückblick

Als wir 1981 zum ersten Mal ausgereist sind, da war es klar, dass wir vier Jahre nicht in die Heimat zurückkehren werden. Wir haben damals mit der Welt zu Hause ein Stück abgeschlossen. So haben wir unser Girokonto aufgelöst, uns überall abgemeldet und uns verabschiedet, als ob wir das ganze Leben lang im Ausland verbringen würden. Vor der Ausreise bekamen wir Listen mit Dingen, die man einkaufen sollte, weil es diese nicht oder nur teuer zu kaufen gab in Thailand. So haben wir Kisten gepackt und losgeschickt. Das war damals sinnvoll und notwendig.

An unserem ersten Einsatzort in Südthailand war das Leben einfach und der lokale Markt die wichtigste Einkaufsquelle. Wollte man Butter oder Käse kaufen, dann musste man nach Haadyai fahren, etwa 300 Kilometer von Betong, unserem Wohnort, entfernt. Und dort gab es nur ein Geschäft, das solche Besonderheiten angeboten hat.

Wie sieht es heute aus? Das Warenangebot in den Supermärkten und Kaufhäusern, die mehr und mehr das ganze Land erobern, übersteigt alle Vorstellungen (man braucht nur das nötige Kleingeld). Viele Dinge kann man vor Ort kaufen und muss sie nicht mehr aus der Heimat mitbringen. Durch Internet Banking hatten wir bequem von unserer Wohnung in Bangkok aus den Zugang auf unser Girokonto in Deutschland. Wir konnten Transaktionen vornehmen usw. Hinzu kommen die Veränderungen im Bereich der Telekommunikation, des Transportwesens usw. Jedenfalls haben sich die äusseren Verhältnisse in wenigen Jahren total verändert.

Die veränderten Aufgaben der Missionare

Aber nicht nur die äusseren Lebensumstände haben sich für die Missionare verändert und viele Annehmlichkeiten beschert, sondern auch deren Stellung unter der Bevölkerung und in der christlichen Gemeinde hat sich gewandelt.

In vielen Fällen waren früher die Missionare und ihre Familien oft die einzigen Ausländer im Dorf und damit eine Attraktion für die einheimische Bevölkerung. Missionare fungierten als Verbindungspersonen zu einer Welt, die den einheimischen Menschen fremd war. Sie hatten Zugang zu Medikamenten und medizinischer Versorgung. Missionare wussten, wo man finanzielle Hilfe bekommen konnte.

Durch den zunehmenden Strom von Touristen, die bis in den letzten Winkel dieser Welt vorgedrungen sind, empfindet die Bevölkerung die Missionare meist nicht mehr als eine Besonderheit. Durch die Mobilität der einheimischen Bevölkerung hat diese selbst Erfahrungen mit der grossen weiten Welt gesammelt. Wenn man sich mit Leuten unterhält dann staunt man, wieviele Verbindungen sie zu Menschen in anderen Ländern haben.

Eine andere Veränderung hat sich vollzogen. Waren früher die Missionare das Zentrum in der christlichen Gemeinde, so gibt es heute einheimische Leiter und die Missionare sind in vielen Fällen Teil eines Teams. Die einheimischen Christen und Leiter wiederum werden eingeladen zu Konferenzen in anderen Ländern. Sie lernen andere Gemeinden kennen und stellen persönliche Verbindungen mit Gemeinden und Leitern in anderen Ländern her. Es ist längst nicht mehr so, dass die Kontakte und Verbindungen nur über die Missionare oder die Missionsgesellschaften hergestellt werden.

Durch die Schulung von einheimischen Leitern und durch theologische Ausbildung werden Mitarbeiter für die Gemeinden herangebildet. Welche Aufgabe bleibt dann für die Missionare? Sicher gibt es da in den Ländern unterschiedliche Antworten auf diese Frage. Es gibt noch Pioniermissionare im klassischen Sinn. Interessant war für mich ein Gespräch mit zwei führenden Christen in Thailand, die unabhängig voneinander erklärten, dass sie als Hauptaufgabe für die Missionare in Thailand den biblischen Unterricht in den Gemeinden und die Mitwirkung in der theologische Ausbildung sehen. Sie meinten, dass in vielen Fällen die thailändischen Christen die Evangelisation und die Gemeindegründung übernehmen könnten. Diese Antwort ist überraschend wenn man bedenkt, dass in Thailand weniger als ein Prozent der Bevölkerung Christen sind. Ganz bestimmt sollen Missionare noch Gelegenheiten zur Evangelisation wahrnehmen und Gemeinden gründen. Trotzdem gilt es in vielen Ländern zu bedenken, was die Hauptaufgabe der Missionare heute ist. Hinzu kommt die Tatsache, dass weniger Langzeitmissionare zur Verfügung stehen. Da ist sicher die Frage berechtigt, auf welche Aufgaben sie sich konzentrieren sollen.

Was die Verbindung der Missionare zur Heimat anbelangt, so ist die Kommunikation viel einfacher geworden. In unserem ersten und zweiten Dienstabschnitt in Südthailand hatten wir kein Telefon! Die Wartezeiten für einen Anschluss waren lange. Es ist einfacher geworden mit den Angehörigen, Verwandten, Betern und Freunden zu Hause zu kommunizieren. Dabei entsteht allerdings eine neue Herausforderung, dass die Missionare darauf achten müssen, dass ihre Zeit nicht mit dem Gebrauch der modernen Kommunikationsmittel ausgefüllt wird.

So sind auch Besuche von Missionaren in der Heimat bei vielen Anlässen sind heute leichter möglich. Es ist auch einfacher Besucher aus der Heimat, seien es Angehörige, Verwandte, Freunde, Vertreter der Gemeinde usw. zu empfangen. Was als ermutigende Erfahrung wichtig ist, kann aber auch leicht in Stress für die Missionare ausarten und sich auf den Einsatz auswirken.

Die Neubestimmung des Begriffs „Missionsfeld"

Ganz bestimmt gibt es noch die „klassischen" Missionsgebiete. Dazu zählen Länder und Volksgruppen, die noch unerreicht sind. Missionare (kommen sie nun aus dem Westen, dem Süden, dem Norden oder dem Osten) müssen immer noch die Kultur and Sprache eines bestimmten Volkes und einer Volksgruppe erlernen. Es ist auch im Zeitalter der Globalisierung so, dass der Zugang zu den Herzen von Menschen über den persönlichen Kontakt und die einheimische Sprache gehen. Das Erlernen der Kultur braucht Zeit und zeigt etwas von der Liebe, die man zu einem Volk hat.

Durch die „moderne Völkerwanderung" von ungezählten Volksgruppen wird das Missionsfeld global bestimmt und neu definiert. Viele Leute sind bereit ihre Heimat zu verlassen, um bessere Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten zu finden. Dies ist eine weltweite Erscheinung. So ist das Missionsfeld auch dort, wo sich Volksgruppen zusammenfinden, die mit dem Evangelium noch nicht erreicht sind. Das schliesst auch die vielen Deutschen und Schweizer ein, die als Rentner ihren Lebensabend in Thailand verbringen!

Nur andeutungsweise kann in diesem Rahmen auf eine neue Sichtweise des Missionsfeldes hingewiesen werden. Thailand zählt ein Stück weit immer noch zu den klassischen Missionsländern. Es gibt inzwischen aber ein wachsendes Bewusstsein, dass die vielen Thais in anderen Ländern von Thais selbst mit dem Evangelium erreicht werden sollten. Es gibt bereits Bemühungen Thaifrauen in Hongkong, die dort zu Tausenden im Haushalt arbeiten oder viele Männer, die in Taiwan als Fabrikarbeiter das grosse Geld verdienen wollen, mit dem Evangelium zu erreichen. Wichtig dabei ist, dass „Thaimissionare" unter ihren eigenen Leuten arbeiten. Es könnten Beispiele aus anderen Ländern angefügt werden auch von anderen Volksgruppen.

Am Bangkok Bible Seminary hatte diese neue Sichtweise zur Folge, dass wir die Ziele der Ausbildung erweitert haben und Leute ausbilden für den Dienst in Thailand und darüber hinaus.

Wer die Wahl hat, hat die Qual

Die weltweite Vermarktung von Schulungsprogrammen, Angebote für Seminare aller Art (oft verbunden mit dem Anreiz, dass keine oder fast keine Kosten selbst getragen werden müssen) und Teilnahme an Konferenzen hat einunübersehbaren Ausmass an Möglichkei-ten für die einheimischen Christen angenommen. Da gibt es Vorstellung wie, dass alle Welt von einem bestimmten Programm profitieren soll, das oft von finanzkräftigen Organisationen oder Gemeinden entwickelt wurde. Dabei kommt es nicht darauf an, ob dieses Programm in die kulturellen Gegebenheiten in einem bestimmten Kontext passt oder nicht. Wichtig ist der „zahlenmässige Erfolg."

Wie sich das konkret darstellt habe ich selbst im vergangenen Semester erlebt. Zwei Studentinnen kamen zu mir und meinten sie müssten an einer Leiterschulung teilnehmen, die von einer ausländischen Organisation angeboten wurde. Sie könnten deshalb an meinen Unterrichtsstunden nicht teilnehmen. Nach einem Gespräch haben sie sich dann doch entschieden am Unterricht teilzunehmen (übrigens, diese Organisation will in den kommenden Jahren weltweit eine Million Gemeindeleiter schulen!).

Bei den vielen Angeboten wissen die einheimischen Christen oft nicht zu unterscheiden, was gut für sie ist und wo sie sich besser fernhalten sollten. Für manche Christen ist das, was vor Ort angeboten wird nicht attraktiv genug, verglichen mit den interessanten Berichten aus aller Welt

Miteinander oder nebeneinander arbeiten

Es gab eine Zeit in der Missionsgeschichte, wo Pionierarbeit im Vordergrund stand. Missionare mussten erst mit einer Arbeit beginnen. Es gab keine Christen und keine christlichen Gemeinden. Inzwischen hat sich dies in vielen Ländern und Teilen der Welt verändert. Es gibt Gemeinden und einheimische Organisationen, die als Partner einen wichtigen Dienst tun können.

Für Missionare und Missionsgesellschaften läutet dies eine neue Phase in der Missionsarbeit ein. Es geht darum gemeinsam zu planen und zu überlegen, wie Gottes Werk am besten getan werden kann. Ein solches Miteinander setzt viele Kräfte frei. Leider ist das nicht immer der Fall. In vielen Fällen wird nebeneinander gearbeitet. Man darf dabei nicht übersehen, dass es heute zunehmend auch einheimische Christen gibt, die im Alleingang eigene Programme verwirklichen und eigene Ziele verfolgen (oft ist dies möglich, weil westliche Sponsoren gefunden werden). So kommt es zu vielen Duplikationen in der Missions- und Gemeindearbeit.

Christsein mit sozialer Dimension

Ganz gewiss muss der einzelne in eine lebendige Beziehung zu Jesus Christus kommen. Das ist ein wichtiges Ziel der Verkündigung des Evangeliums. Darüber hinaus hat man in den vergangenen Jahren erkannt, dass die sozialen Beziehungen des einzelnen durch sein Christsein eine neue Dimension bekommt. Ein Christ zieht sich nicht aus der Gesellschaft zurück, sondern lebt sein Christsein in der Familie und am Arbeitsplatz.

In der theologischen Ausbildung hat das seinen Niederschlag in der Weise gefunden, dass Studienangebote für Berufstätige entwickelt wurden. Früher war die Ausbildung vor allem für diejenigen, die sich auf den vollzeitlichen Dienst vorbereitet haben. Am BBS haben wir festgestellt, dass es zunehmend Leute gibt, die berufstätig sind und die Bibel besser kennenlernen wollen, damit sie in der Gemeinde mitarbeiten können. In unserem Fernstudium haben wir zur Zeit etwa 200 Studenten, die alle in der Gemeinde engagiert sind neben ihrem Beruf.

Es gäbe noch viele Themen, die eine Herausforderung sind für die Missionare und die Missionsgesellschaften. Ein Umdenken muss in vielen Bereichen einsetzen, auch bei den treuen Begleitern von Missionaren.

Es wäre mein Wunsch über diese Gedanken ins Gespräch zu kommen. Wie können Gemeinden „ihre" Missionare in einer sich wandelnden Welt recht begleiten? Was erwarten die Gemeinden von den Missionaren?

 

Überarbeitete Fassung aus unseren Freundesbriefen
Dr. Fritz Deininger, Leiter der Missionsstelle
fritz.deininger@chrischona.ch
Im September 2008